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Finanztransaktionsteuer unter Experten heftig umstritten

Wirtschaftsverbände, Börsen und Banken sehen eine Finanztransaktionsteuer äußerst kritisch oder lehnen sie sogar strikt ab. In einer Anhörung des Finanzausschusses des Bundestages am 30.11.2011 sagte der Sachverständige Professor Volker Wieland (House of Finance): «Die beste Idee ist ein Steuersatz von Null.» Dagegen wird diese Steuer, die auf den Handel von Wertpapieren aller Art erhoben werden könnte, von Nichtregierungsorganisationen und Teilen der Wissenschaft als wichtiges Instrument zur Eindämmung von Spekulationen angesehen.

Hintergrund: Antrag der SPD-Fraktion zu Transaktionsteuer

In der Anhörung ging es um einen Antrag der SPD-Fraktion (BT-Drs. 17/6086), die die Einführung einer europäischen Finanztransaktionsteuer fordert. Erfasst werden sollen alle börslichen und außerbörslichen Transaktionen von Wertpapieren, Anleihen und Derivaten mit einem Steuersatz von 0,05%. Außerdem waren der Vorschlag der Europäischen Kommission für eine Richtlinie zur Finanztransaktionsteuer und das deutsch-französische Positionspapier zu dieser Steuer Gegenstand der Anhörung. Die SPD-Fraktion begründet ihren Antrag mit dem Hinweis, der Finanzsektor leiste keinen seiner Bedeutung entsprechenden Beitrag zur Finanzierung des Gemeinwesens, und die Steuer könne der Spekulation entgegenwirken.

Deutsche Kreditwirtschaft fürchtet um Konjunktur

Die Deutsche Kreditwirtschaft, der Zusammenschluss der Bankenverbände, lehnte diesen Beitrag jedoch ab und befürchtete negative Auswirkungen auf die Konjunktur. Selbst die EU-Kommission erwarte bei einer EU-weiten Steuer von 0,1% auf Aktien (0,01% auf Derivate) eine Einbuße des Bruttoinlandsprodukts von 1,76%. Die Finanztransaktionssteuer treffe nicht nur die Finanzinstitute, sondern alle Erwerber von Finanzprodukten, darunter auch Kleinsparer.

Wirtschafts-Spitzenverbände warnen vor Belastungen für Bürger und Realwirtschaft

Ähnlich äußerten sich die Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft in einer gemeinsamen Stellungnahme. Danach würden auch die Unternehmen belastet, die Liefergeschäfte gegen Zins- und Währungsrisiken durch Derivate absichern. Der Vertreter des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) sagte auf die Frage, wer das von der EU geschätzte Steueraufkommen von 57 Milliarden Euro zu tragen habe: «Das werden Bürger und Realwirtschaft sein.» Der Bundesverband Investment und Asset Management erklärte: «Die Belastung hätten vor allem Langfrist- und Altersvorsorgesparer zu tragen.»

Professor Franz Mayer: Finanztransaktionsteuer mit Binnenmarkt vereinbar

Professor Franz Mayer von der Universität Bielefeld sah bei der Vereinbarkeit der Finanztransaktionsteuer und Binnenmarkt keine Probleme: «Unter dem Aspekt der Verhältnismäßigkeit der vorgesehenen Gesetzgebung bestehen auch gegen die Höhe der avisierten Steuer keine Bedenken, auch nicht unter grundrechtlichen Aspekten», erklärte er. Stephan Schulmeister vom Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung befürwortete ebenfalls die Steuer, die auf den Märkten dafür sorgen könne, «dass extreme Ausschläge schwächer werden». Ein Allheilmittel sei die neue Steuer aber nicht. Schulmeister hielt die stark gestiegenen Zinssätze für eine Folge der zunehmenden Spekulation.

Attac widerspricht Behauptung über Belastung des Kleinsparers

Professor Gustav Horn (Hans-Böckler-Stiftung) widersprach der Darstellung mehrerer Wirtschaftsvertreter, wonach die EU-Kommission bei Einführung der Steuer eine Rezession erwarte. Das habe die Kommission nie gesagt, erklärte Horn. «Einige Gegner der Steuer halten hartnäckig an dem Argument fest, die Steuer würde den Kleinsparer treffen. Ebenso hartnäckig muss dieser Einwand zurückgewiesen werden», erklärte Detlev von Larcher von Attac. Durch die niedrigen Steuersätze sei die Steuer bei einzelnen Transaktionen kaum spürbar und «im Vergleich mit den gleichzeitig anfallenden Gebühren vernachlässigbar.» Auch der von der Deutschen Börse und der Börse Stuttgart in Stellungnahmen befürchtete Umsatzverlust an außereuropäische Handelsplätze ist nach Ansicht von Attac «maßlos überzeichnet», da jede Transaktion einer Institution oder Person mit Sitz in der EU steuerpflichtig wäre, auch wenn der Handel an einer Börse außerhalb des EU-Gebiets stattfindet (Ansässigkeitsprinzip). Zur Steuervermeidung wäre die Verlegung des Wohn-oder Geschäftssitzes notwendig.

Börsenmakler beklagt zu viel Spekulation

Der Börsenmakler Dirk Müller erklärte, es gebe zu viel Spekulation. Behauptungen, Derivate würden der Kursabsicherung dienen, bezeichnete er als «Augenwischerei». Das gelte nur für einen ganz kleinen Teil des Handels. Privatanleger und Versicherungen würden wegen der starken Kursschwankungen den Aktienmarkt verlassen. Dann könnten sich die Unternehmen nur sehr schwer Kapital besorgen. Müller sprach sich für die Transaktionsteuer aus: «Von 0,05% geht die Welt nicht unter.»

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Den Antrag der SPD-Fraktion (BT-Drs. 17/6086) finden Sie als pdf-Datei auf den Seiten des Bundestages.

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beck-aktuell-Redaktion, Verlag C.H. Beck, 1. Dezember 2011.