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OVG Münster: Herausgabe von Steuerkontoauszügen an Insolvenzverwalter verletzt nicht Steuergeheimnis

Insolvenzverwalter können vom Finanzamt regelmäßig Einsicht in die den insolventen Schuldner betreffenden steuerlichen Unterlagen verlangen, ohne dass das Steuergeheimnis dem entgegensteht. Dies hat der Achte Senat des Oberverwaltungsgerichts Münster mit vier Urteilen vom 24.11.2015 entschieden und damit seine bisherige Rechtsprechung bekräftigt. Das OVG hat die Revision zum Bundesverwaltungsgericht zugelassen (Az.: 8 A 1032/14, 8 A 1073/14, 8 A 1074/14 und 8 A 1126/14).

Insolvenzverwalter verlangten Steuerkontoauszüge des Schuldners

In den zugrunde liegenden Verfahren hatten Insolvenzverwalter unter Berufung auf das Informationsfreiheitsgesetz Nordrhein-Westfalen (IFG NRW) bei dem jeweils für den Insolvenzschuldner zuständigen Finanzamt beantragt, ihnen die Steuerkontoauszüge des Schuldners zu näher bezeichneten Zeiträumen zur Verfügung zu stellen. Sie beabsichtigen, mit Hilfe der steuerlichen Unterlagen zu ermitteln, ob Zahlungen auf Steuerschulden gegebenenfalls der Insolvenzanfechtung unterliegen. Nachdem der Achte Senat bereits im Jahr 2011 entschieden hatte, dass sich ein derartiger Anspruch aus dem IFG NRW ergibt, hatten die Klagen in erster Instanz Erfolg. Mit den dagegen eingelegten Berufungen machte das beklagte Land geltend, die Herausgabe der Steuerkontoauszüge an die Insolvenzverwalter verletze das Steuergeheimnis.

Fehlende Anspruchsgrundlage in Abgabenordnung steht nicht entgegen

Der Achte Senat hat nach Überprüfung an seiner Rechtsprechung festgehalten, wonach der geltend gemachte Informationsanspruch nach dem IFG NRW in derartigen Fällen grundsätzlich besteht. Zur Begründung hat der Vorsitzende ausgeführt, der Anspruch werde nicht dadurch ausgeschlossen, dass die Abgabenordnung keinen Akteneinsichtsanspruch im Steuerverwaltungsverfahren vorsehe. Das Steuergeheimnis nach § 30 AO stehe der Offenbarung der steuerlichen Verhältnisse des insolventen Schuldners gegenüber dem Insolvenzverwalter nicht entgegen. Durch die Eröffnung des Insolvenzverfahrens gehe das Recht des Schuldners, das zur Insolvenzmasse gehörende Vermögen zu verwalten und über es zu verfügen, auf den Insolvenzverwalter über (§ 80 InsO). Das schließe auch die Verfügungsbefugnis über Informationen beziehungsweise "Geheimnisse" ein, deren Kenntnis zur Verwaltung der Insolvenzmasse und sachgerechten Wahrung der Gläubigerrechte erforderlich sei. Nach § 97 InsO sei der Schuldner ohnehin verpflichtet, dem Insolvenzverwalter über alle das Verfahren betreffenden Verhältnisse Auskunft zu geben. Aus diesen Regelungen sei insgesamt zu schließen, dass das Steuergeheimnis bei einer Herausgabe der Steuerkontenauszüge an den Insolvenzverwalter nicht berührt werde, soweit diese die Insolvenzmasse beträfen.

Weiterführende Links

Aus der Datenbank beck-online

Jacobi/Böhme, Insolvenzpraxis: Die wichtigsten Entscheidungen 2014, NJ 2015, 133

OVG Berlin-Brandenburg, Anspruch des Insolvenzverwalters auf Einsicht in Steuerakten, NVwZ-RR 2015, 10

Nitschke, Auskunftsersuchen des Insolvenzverwalters und Informationsfreiheit, DÖV 2014, 1049

VG Aachen, Informationsstreit, Insolvenzverwalter, Finanzverwaltung, Insolvenzverwalter, Auskunftsanspruch, Informationszugangsanspruch, Finanzamt, Insolvenzanfechtung, BeckRS 2014, 50539 (Vorinstanz)

VG Köln, Insolvenzverwalter, Auskunftsanspruch, Finanzamt, Jahreskontenauszug, Insolvenzverfahren, Steuererklärung, Informationsanspruch, rechtsmissbräuchliches Verhalten, Steuergeheimnis, BeckRS 2014, 51631 (Vorinstanz)

Redaktion beck-aktuell, Verlag C.H.BECK, 25. November 2015.