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Kampf für Kastenlose in Indien: Henri Tiphagne erhält Amnesty-Menschenrechtspreis

In Indien werden Kastenlose noch immer verunglimpft und benachteiligt. Für sie gelten die Menschenrechte nicht, sagt Rechtsanwalt und People's Watch-Gründer Henri Tiphagne, der sich seit vier Jahrzehnten für die Menschen einsetzt, die in der größten Demokratie der Welt ihre Rechte kaum wahrnehmen können. Dafür wird er nun mit dem Menschenrechtspreis von Amnesty International in Deutschland ausgezeichnet.

Diskriminierung von Dalits in Indien derzeit im Diskussionsfokus

Der Zeitpunkt hätte kaum besser gewählt sein können, denn derzeit diskutiert Indien heftig über die Diskriminierung von Dalits. Das sind Menschen ganz am unteren Ende von Indiens Kastenhierarchie, die früher als Unberührbare beschimpft wurden und von vielen noch immer nicht ernst genommen werden. "Wir setzen uns für die Ärmsten der Armen ein, und von denen sind eben die meisten Dalits", sagt Tiphagne.

Demonstrationen nach Selbsttötung eines Studenten wegen Diskriminierung

In Indiens Verfassung von 1950 steht, dass niemand aufgrund seiner Kaste diskriminiert werden darf. Doch die Realität sieht oft anders aus, das machte gerade der Selbstmord eines Doktoranden an der Universität von Hyderabad deutlich. Dalit-Studenten beklagen, sie würden von Aktivitäten ausgeschlossen, müssten separat essen und wohnen. Seit mehr als einer Woche demonstrieren Menschen überall in Indien gegen die Herabsetzungen. "Leider schaut das Land erst nach seinem Tod hin", beklagt Tiphagne.

Staat setzt People's Watch unter Druck

Als einer der ganz wenigen Menschen in Indien kennt Tiphagne seine eigene Kaste nicht. Denn bei der Geburt 1956 im südindischen Tamil Nadu starb seine Mutter. Eine französische Ärztin, die in Indien Lepra-Kranke behandelt, adoptierte ihn. Seine Organisation People's Watch, die Menschenrechtsverletzungen dokumentiert, Betroffene vor Gericht vertritt und Kinder in Schulen über ihre Rechte informiert, sei wie viele andere Organisationen der Zivilgesellschaft in den vergangenen Jahren unter Druck geraten, sagt Michael Gottlob, Indien-Experte von Amnesty. Um den Weg frei zu machen für Unternehmen, setze sich die Regierung einfach über in der Verfassung verbürgte Rechte hinweg. Tiphagne sei massiv eingeschüchtert worden - gerade deswegen sei er nun ausgewählt worden, sagt Gottlob.

Dalit-Autorin missbilligt Engagement von Nicht-Dalit

Die Autorin Palanimuthu Sivakami aus Tamil Nadu hingegen sieht es kritisch, dass ein Nicht-Dalit wie Tiphagne sich für Dalits starkmacht - und dafür dann einen Preis kassiert. "Niemand kann unser Essen an unser statt zu sich nehmen", sagt sie. Tiphagne verhalte sich wie viele andere Leiter von Nichtregierungsorganisationen, dünkelhaft, sagt sie. Tiphagne stimmt zu, dass die Anführer von Protestbewegungen aus den betroffenen Gruppen selbst kommen müssen. Er aber helfe Betroffenen und mache sich für die Vernetzung von Aktivisten und Nichtregierungsorganisationen stark. "Ich leite den Kampf nicht. Ich spreche darüber, etwa bei den Vereinten Nationen", sagt Tiphagne. "Jemand, der sich der Menschenrechtsverletzungen bewusst ist, muss das einfach tun."

Redaktion beck-aktuell, Verlag C.H.BECK, 25. Januar 2016 von Doreen Fiedler