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Umfrage: Deutsche Justiz an der Belastungsgrenze

Die Justiz arbeitet in vielen Teilen Deutschlands an der Belastungsgrenze. Das hat eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur in den Bundesländern ergeben. Obwohl viele Länder das Justizpersonal bereits kräftig aufgestockt haben, mangele es vielerorts weiterhin an Personal. 

Deutscher Richterbund fordert 2000 zusätzliche Richter und Staatsanwälte

Der Deutsche Richterbund schlägt Alarm. "Die Arbeitsbelastung insbesondere in der Strafjustiz ist enorm hoch", sagte Geschäftsführer Sven Rebehn der Deutschen Presse-Agentur. "Vor allem die Staatsanwaltschaften haben sich zum Nadelöhr bei der Strafverfolgung entwickelt." Nach den Berechnungen des Verbandes braucht Deutschland 2.000 zusätzliche Richter und Staatsanwälte.

Strafverfahren heute wesentlich komplexer 

Strafverfahren sind laut Rebehn häufig viel aufwendiger als noch vor 10 oder 20 Jahren. Häufig hätten Strafverfahren Auslandsbezüge und richteten sich gegen international verzweigte Tätergruppen. Die auszuwertenden Datenmengen hätten sich vervielfacht - nicht selten fallen in Strafverfahren Hunderte Stehordner und mehrere Terabyte Daten an. Verfahren werden eingestellt oder dauern länger. "Das sind deutliche Anhaltspunkte für eine überlastete Justiz", sagte Rebehn.

Zahlreiche U-Häftlinge kommen wegen Justizüberlastung frei

Die deutsche Justiz scheitert zudem immer wieder daran, mutmaßlichen Kriminellen fristgerecht den Prozess zu machen. Immer wieder müssen Untersuchungshäftlinge trotz schwerer Tatvorwürfe auf freien Fuß gesetzt werden, weil die Gerichte nicht hinterherkommen. Denn für die Anordnung von Untersuchungshaft gelten zeitliche Beschränkungen. Der Richterbund spricht von zuletzt 50 Fällen pro Jahr. Allein in Sachsen mussten 2018 laut Landesjustizministerium bis Mitte Dezember 14 U-Häftlinge nach Überschreiten der Frist freigelassen werden.

Viele Länder stocken Personal stark auf

Viele Länder haben bereits begonnen, die Justiz personell kräftig aufzustocken, wie die Umfrage der Deutschen Presse-Agentur weiter ergab. Allein in Baden-Württemberg wurde die Justiz seit 2016 mit 700 neuen Stellen gestärkt. Seitdem gibt es 251 zusätzliche Richter und Staatsanwälte - dennoch fehlten noch Dutzende für eine volle Ausstattung. Zur Bewältigung der "aktuellen Flut" an Asylverfahren sind 2019 weitere 80 neue Stellen für Verwaltungsrichter sowie 48 Stellen für Servicekräfte vorgesehen. In Hessen sind in der vergangenen Legislaturperiode mehr als 500 Stellen in der Justiz geschaffen worden. In Hamburg wurden seit 2015 170 neue Stellen bei Staatsanwaltschaft und Gerichten geschaffen, weitere 31 sollen hinzukommen. In Sachsen kamen in den vergangenen vier Jahren 120 neue Stellen für Richter und Staatsanwälte hinzu. In Rheinland-Pfalz sind im Doppelhaushalt 2019/20 265 zusätzliche Stellen in der Justiz über alle Laufbahnen und Bereiche hinweg geplant. Auch die Länder Niedersachsen, Berlin, Brandenburg sowie Mecklenburg-Vorpommern und Bremen stocken die Justizstellen auf.

Personalmangel besteht trotz Aufstockung fort

Doch trotz der massiven Anstrengungen fehlen in den meisten Ländern noch Richter und Staatsanwälte - in Hessen allein laut Richterbund 300. In Bayern fehlen mehr als 150 Staatsanwälte und Richter. "Der Personalbestand der bayerischen Justiz ist auf Kante genäht", sagte eine Ministeriumssprecherin. Allein 2018 seien 175 zusätzliche Planstellen für den Justizvollzug geschaffen worden. Doch damit sei das Defizit nur verringert, nicht behoben worden.

Kampf um Nachwuchs

Die Justizbehörden kämpfen vielerorts um Nachwuchs - und konkurrieren dabei häufig mit der freien Wirtschaft und den lukrativen Jobs dort. "Der Arbeitsmarkt für Juristen ist hart umkämpft", sagt der Vorsitzende des niedersächsischen Richterbunds, Frank Bornemann. Viele Jurastudenten würden es vorziehen, nach einem Bachelor-Abschluss in die Wirtschaft zu gehen. Die Richterbesoldung sei für viele Berufsanfänger nicht attraktiv.

Personalproblem wird durch Pensionierungswelle verschärft

Das Personalproblem der Justiz wird von einer anrollenden Pensionierungswelle verschärft. In Thüringen etwa gehen bis 2031 nach Angaben des Landesjustizministeriums zwei Drittel der Richter und Staatsanwälte in den Ruhestand. Der Thüringer Richterbund glaubt nicht daran, dass die Stellen im nötigen Umfang neu besetzt werden können. "Die Politik hat dieses Problem lange verdrängt", kritisiert der Landesvorsitzende Holger Pröbstel. Bis zum Jahr 2030 gehen bundesweit laut Deutschem Richterbund etwa 40% aller Richter und Staatsanwälte in den Ruhestand. "Umso wichtiger ist es, dass die Politik jetzt reagiert und den versprochenen Bund-Länder-Pakt für den Rechtsstaat im Januar 2019 endlich in die Tat umsetzt", sagt Rebehn vom Deutschen Richterbund.

"Pakt für den Rechtsstaat" sieht 2.000 neue Stellen für Richter und Staatsanwälte vor

In ihrem Koalitionsvertrag hatten Union und SPD einen "Pakt für den Rechtsstaat" vereinbart. Darin heißt es, dass 2.000 neue Stellen für Richter und Staatsanwälte sowie für entsprechendes Folgepersonal geschaffen werden sollen. "Wer den Rechtsstaat durchsetzen will, muss ihn entsprechend ausstatten", sagte Bundesjustizministerin Katarina Barley (SPD) der dpa. Einige Länder stellten vermehrt Personal ein. Und der Bund gehe mit dem "Pakt für den Rechtsstaat" mit sehr gutem Beispiel voran. Damit kämen in Bund und Ländern 2.000 Richter und 15.000 Polizisten dazu. "Damit unterstützen wir die Länder, die Leistungsfähigkeit der Justiz noch weiter zu verbessern."

Länder fordern schnelle Umsetzung des Paktes

Die Länder pochen nun auf eine rasche Umsetzung. Zwischen den Ländern und Barley brach zuletzt offener Streit über die Finanzierung aus. Die Justizminister der Länder forderten auf ihrer Konferenz im November 2018, der Bund müsse sich nicht nur einmalig an den Kosten für die 2000 neue Posten beteiligen, sondern langfristig. Mehr Polizisten produzieren zudem noch mehr Arbeit für Staatsanwälte und Richter. Thüringens Justizminister Dieter Lauinger (Grüne), 2018 Vorsitzender der Justizministerkonferenz, sagte, Polizei-Arbeit habe nur einen Effekt, wenn es genug Staatsanwälte und Richter gebe.

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Redaktion beck-aktuell, Verlag C.H.BECK, 2. Januar 2019 von Nico Pointner