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VG Gießen: Tierversuche an Dsungarischen Zwerghamstern müssen vorerst unterbleiben

Das Verwaltungsgericht Gießen hat mit einem Beschluss vom 19.06.2019 einen Eilantrag der Philipps-Universität Marburg abgelehnt, der vom Regierungspräsidium Gießen keine Erlaubnis für die Durchführung von Tierversuchen an 36 Dsungarischen Zwerghamstern erteilt worden war (Beschluss vom 19.06.2019, Az.: 4 L 2305/19.GI, nicht rechtskräftig).

Sachverhalt

Die Universität hatte die Genehmigung der Tierversuche im Rahmen ihres "ESA"-Projektes beantragt. Dabei sollte das Torporverhalten bei den Zwerghamstern und dessen Abhängigkeit von der Aktivität des sympathischen Nervensystems untersucht werden. Als Torpor bezeichnet man einen schlafähnlichen physiologischen Zustand, der vor allem bei kleineren Säugetieren und Vögeln vorkommt, wobei Stoffwechsel und Energieumsatz weitgehend abgeschaltet werden, die Körpertemperatur auf das Niveau der Umgebungstemperatur abgesenkt und alle Körperfunktionen gleichsam auf Sparflamme gehalten werden. Der Torpor dient den Tieren vor allem dazu, längere Zeiten des Nahrungs- oder Wassermangels zu überstehen. Untersucht werden sollte mit den Tierversuchen, wie der Torpor ausgelöst wird, um daraus Erkenntnisse für die Nutzbarmachung in der Raumfahrt zu gewinnen. Das Regierungspräsidium Gießen hatte die Versuche im Wesentlichen mit der Begründung abgelehnt, dass keine ausreichenden Belege dafür vorgelegt worden seien, dass die Tierversuche unerlässlich sowie ethisch vertretbar sind.

Ethische Vertretbarkeit in Hauptverfahren zu klären

Das Verwaltungsgericht habe den Eilantrag, mit dem die Universität die Durchführung der Tierversuche erreichen wollte, an deren Ende die Zwerghamster getötet werden, im Wesentlichen mit der Begründung abgelehnt, dass die aufgeworfene Frage der Unerlässlichkeit und ethischen Vertretbarkeit der Versuche im Sinne der §§ 7, 8 Tierschutzgesetz nur in einem Hauptsacheverfahren, d.h. einer Klage geklärt werden könnten.

Abwägung geht gegen Uni aus

In der Kürze der Zeit, in der die Versuche nach den Ausführungen der Universität durchgeführt sein müssten, sei die notwendige weitere Sachaufklärung und eine gegebenenfalls noch einzuholende sachverständige Einschätzung der konkreten Belastungssituation der Tiere und des zu erwartenden Nutzens des Forschungsvorhabens nicht möglich. Die deshalb vorzunehmende Abwägung der Folgen für die geltend gemachte Wissenschaftsfreiheit einerseits und die Belange des Tierschutzes andererseits falle nicht zu Gunsten der Universität aus.

Drohender Verlust von Drittmitteln reicht nicht

Dem geltend gemachten Verlust von Drittmitteln und der geltend gemachten Bedeutung der Forschung für die Beteiligung an der Projektreihe der ESA stehe am Ende der Tierversuche der größtmögliche und irreversible Schaden durch die geplante Tötung der Tiere gegenüber. Die durchaus gewichtigen Belange der Universität ließen eine erhebliche und unabwendbare Notwendigkeit der sofortigen Durchführung der Tierversuche jedoch nicht erkennen.

Weiterführende Links

Aus der Datenbank beck-online

Kalenborn, Die praktische Konkordanz in der Fallbearbeitung, JA 2016, 6

Lindner, Wissenschaftsfreiheit und Tierversuch, NordÖR 2009, 329

Braun, Tierschutz in der Verfassung - und was nun? - Die Bedeutung des neuen Art. 20a GG, DÖV 2003, 488

Caspar, Tierschutz für Versuchstiere - ein Widerspruch in sich?, NVwZ 1997, 567

Aus dem Nachrichtenarchiv

OVG Münster: Wissenschaftlerin der Uniklinik Münster darf vorläufig weiterhin Tierversuche durchführen, Meldung der beck-aktuell-Redaktion vom 27.09.2018, becklink 2011055

VG Köln: Standard-Tierversuche an Mäusen zu Ausbildungszwecken unzulässig, Meldung der beck-aktuell-Redaktion vom 23.08.2018, becklink 2010752

Redaktion beck-aktuell, Verlag C.H.BECK, 21. Juni 2019.