Redaktion beck-aktuell

Nachrichten, Pressemitteilungen, Fachnews

becklink 2014069

ArbG Aachen: Solocellist in Sinfonieorchester hat Anspruch auf bezahlte Freistellung für Probespiel

Das Arbeitsgericht Aachen hat mit einem jetzt veröffentlichten Urteil vom 11.07.2019 der Klage eines Solocellisten in einem Sinfonieorchester auf bezahlte Freistellung für die Teilnahme an einem Probespiel stattgegeben. Für eine künstlerische Unentbehrlichkeit im Sinn des einschlägigen Tarifvertrags komme es nicht auf die Bedeutung eines Konzerts an, sondern darauf, ob für das gespielte Repertoire besondere Fertigkeiten erforderlich seien (Az.: 1 Ca 776/19).

Kläger nahm an Probespiel für Bewerbung bei anderem Orchester teil

Der Kläger ist Solocellist im Sinfonieorchester der beklagten Arbeitgeberin. Im Herbst 2018 bewarb er sich auf eine ausgeschriebene Stelle eines anderen Orchesters. Das Probespiel für diese Bewerbung fand an zwei aufeinanderfolgenden Tagen im November 2018 statt. An denselben zwei Tagen gab das Sinfonieorchester der Arbeitgeberin ein Sinfoniekonzert. Nachdem der Arbeitgeberin durch eine vom Kläger beantragte einstweilige Verfügung aufgegeben worden war, ihn für die Dauer des Probespiels freizustellen, nahm der Kläger an dem Probespiel teil.

Kläger berief sich für bezahlte Freistellung auf Tarifvertrag

Mit seiner Klage verlangte der Kläger unter anderem die Bezahlung der zwei Tage seiner Teilnahme an dem Probespiel. Er berief sich auf die Regelung des anwendbaren § 40 Abs. 3 Satz 1 des Tarifvertrages für die Musiker in Kulturorchestern vom 31.10.2009, wonach dem zu einem Probespiel eingeladenen Musiker auf einen unverzüglich gestellten Antrag bis zu dreimal in der Spielzeit die erforderliche Freizeit unter Fortzahlung der Vergütung zu gewähren sei.

Beklagte: Kläger künstlerisch unentbehrlich

Die Arbeitgeberin lehnte die Zahlung ab und berief sich auf die Ausnahmeregelung in § 40 Abs. 3 Satz 2 des Tarifvertrags. Sie verwies auf die besondere Bedeutung eines Sinfoniekonzerts, die es künstlerisch erforderlich mache, dass der Solocellist als Teil der "besten Besetzung" des Orchesters spiele. Darüber hinaus berief die Arbeitgeberin sich darauf, dass ihr die Beschaffung einer Vertretung für den Kläger auch aus finanziellen Gründen nicht zumutbar sei, da sie die Aushilfe schließlich nicht nur für die zwei Tage des Konzerts, sondern auch für die vier weiteren Probetage habe bezahlen müssen.

ArbG: Konzertbedeutung für künstlerische Unentbehrlichkeit unmaßgeblich

Das ArbG hat der Klage stattgegeben. Die Arbeitgeberin müsse die zwei Tage, an denen der Kläger am Probespiel teilgenommen habe, vergüten. Für die von § 40 Abs. 3 des Tarifvertrages verlangte Unentbehrlichkeit aus künstlerischen Gründen komme es nicht auf die Bedeutung des Konzerts, sondern darauf an, ob das gespielte Repertoire von jedem ausgebildeten Konzertmusiker gespielt werden könne oder weitergehende Fertigkeiten verlange. Darüber hinaus sei es der Arbeitgeberin hier zumutbar gewesen, dass sie weitere vier Probetage für den Ersatz des Klägers habe bezahlen müssen.

Redaktion beck-aktuell, Verlag C.H.BECK, 9. September 2019.