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LG Frankfurt a. M.: Haft für Deutsch-Afghanen nach Messerangriff auf Rabbi

Dreieinhalb Jahre Haft wegen gefährlicher Körperverletzung. So lautete am 20.05.2008 das Urteil des Landgerichts Frankfurt am Main für den 23-jährigen Deutsch-Afghanen Sahed A., der in der Mainmetropole einen jüdischen Geistlichen mit einem Messer auf offener Straße angegriffen hatte. Während der Angeklagte nach der Entscheidung triumphierte, die ihn nicht wegen versuchten Totschlags verurteilte, zeigten sich jüdisch-orthodoxe Studenten im Zuschauerraum geschockt.

Antisemitismusvorwurf heizt Prozess auf

Die Richter der 21. Strafkammer hatten sich viel Mühe gegeben, das Verfahren wie einen normalen Strafprozess zu führen, doch am Thema Antisemitismus kamen auch sie nicht vorbei. Der Antisemitismusvorwurf dürfe aber nicht als Totschlagargument missbraucht werden, wenn es um die Aufklärung einer Straftat gehe, so das Gericht. In seinem Urteil hat es dem Opfer unter anderem nicht geglaubt, dass er vom Angreifer mit dem Tod bedroht worden sei. Es glaubte auch einem Zeugen, der gesehen hatte, dass der Rabbiner seinen deutlich schmächtigeren Kontrahenten vor dem Stich am Kragen gepackt hatte.

Nach Beweiserhebung bleiben dem Gericht Zweifel

Das Gericht hatte im Zweifel für den einschlägig vorbestraften Angeklagten entschieden, der angegeben hatte, immer ein Messer mitzunehmen, wenn er nach Frankfurt fahre. Seine Beschimpfung «Scheißjude» oder «Judenschwein» sei kein Zeichen für Antisemitismus, das Verbergen des Messers vor der Attacke keine Heimtücke, bei einem Stich in den Bauch werde der Tod nicht billigend in Kauf genommen, und der immerhin 18 Zentimeter tiefe Stichkanal könne zum Teil von einer Narkosespritze herrühren, hieß es in der Urteilsbegründung.

Enttäuschung und Unverständnis über Urteil

Die orthodoxen Juden im Zuschauerraum hatten von dem Gericht ein deutliches Zeichen gegen antisemitische Angriffe auf offener Straße erwartet. Nicht nur der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Frankfurts, Salomon Korn, zeigte sich befremdet über das Urteil gegen den jungen Mann, der in der Vergangenheit bei Konflikten bereits zu Messern oder anderen Waffen gegriffen hat. «Wir werden ihn hier wiedersehen. Von dem Mann geht eine enorme Aggressivität und Sprengkraft aus», sagte Rolf Döring, Nebenklageanwalt des Rabbiners.

Prozess der Vorbemerkungen

Es war ein Prozess der Vorbemerkungen, welche die Juristen ihren Stellungnahmen vorausschickten. Verteidiger Ulrich Endres bemühte sogar die Umstände seiner Geburt in einem Dessauer Gestapo-Keller, um sich gegen heftige Antisemitismus-Vorwürfe zur Wehr zu setzen. Die umstrittene Strategie des Strafverteidigers enthielt nämlich heftige Angriffe gegen das Opfer, einen 43 Jahre alten orthodoxen Rabbiner. Der schwergewichtige und selbst im Gerichtssaal aufbrausende Geistliche taugt wenig als Sympathieträger, und auch mit dem Gesetz hat er es in der Vergangenheit nicht immer genau genommen. Er ist ohne Führerschein gefahren, hat Rechnungen nicht bezahlt und war auch früher schon in körperliche Auseinandersetzungen mit Andersgläubigen verwickelt.

Weiterführende Links

Aus der Datenbank beck-online

Händel, Rechtsextremismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit, NJW 2001, 1338

beck-aktuell-Redaktion, Verlag C. H. Beck, 21. Mai 2008 (von Christian Ebner,dpa).